Mental Load: die unsichtbare Denkarbeit
Wer sich auf Social Media bewegt, kommt an dem Begriff inzwischen kaum noch vorbei: Ob (Beziehungs-)Influencer:innen oder Paartherapeut:innen – alle sprechen derzeit über Mental Load und klären über seine Relevanz auf. Doch was genau steckt eigentlich hinter dem Ausdruck?
In seinem wörtlichen Sinn meint Mental Load schlichtweg die ständige mentale Arbeit, an alles zu denken, was organisiert, erledigt oder im Blick behalten werden muss. Grundsätzlich ist Mental Load also erstmal ein Phänomen, das jeder und jede von uns kennt – wir alle tragen schließlich im Alltag eine permanent mitlaufende To-do-Liste im Kopf mit uns herum. In der öffentlichen Debatte wird der Begriff jedoch meist enger gefasst und beschreibt vor allem die zusätzliche mentale Belastung, die vor allem Frauen erleben, etwa wenn sie neben eigener Erwerbsarbeit auch die Hauptverantwortung für Haushalt, Kinder, Partnerschaft oder die Pflege von Angehörigen übernehmen.
Das Problem am Mental Load ist, dass diese Art von Denkarbeit wenig sichtbar ist. Sie findet im Kopf statt, lässt sich schwer benennen und wird deshalb im Alltag leicht übersehen – sowohl von anderen als auch von der Person, die sie trägt. Während sichtbare Aufgaben wie Einkaufen, Termine wahrnehmen oder E-Mails schreiben klar als Arbeit erkennbar sind, bleibt das permanente Mitdenken im Hintergrund häufig unbemerkt: das Vorausplanen, Erinnern, Abwägen und Koordinieren. Die Paartherapeutin Vanessa Marin erklärt:
Es geht nicht nur um die Aufgaben selbst, sondern um all die Informationen, die man zu diesen Aufgaben im Kopf behalten muss. Es ist also nicht einfach nur: „Ich muss Wäsche waschen.“ Sondern: „Timmy braucht sein Fußballtrikot bis Dienstag, diese Hose darf nicht in den Trockner, weil sie einläuft, ich muss genau dieses Waschmittel kaufen – und wir haben fast keins mehr, also muss ich es beim nächsten Einkauf besorgen.“
Paartherapeutin Vanessa Marin
Studien würden belegen, so die Therapeutin weiter, dass in heterosexuellen Beziehungen der Großteil dieses Mental Loads auf den Schultern der Frauen liege. Für Deutschland bestätigt dies etwa ein Report des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung aus dem Jahr 2023. Aus ihm geht hervor, dass Mental Load in Partnerschaften zwischen Männern und Frauen selbst dann häufig ungleich zulasten letzterer verteilt ist, wenn diese in Vollzeit arbeiten.*
*Anmerkung der Redaktion: Trotzdem können mentale Mehrbelastungen im individuellen Fall selbstverständlich unterschiedliche Ausprägungen annehmen und in allen Beziehungsformen auftreten.
Überfordert mit Hochzeitsplanung: Warum Mental Load das Problem sein könnte
Die Hochzeitsplanung wirkt oft wie ein Brennglas für Mental-Load-Probleme: In dieser Phase prasselt eine Vielzahl großer und kleiner Aufgaben auf das Paar ein. Die Suche nach passenden Dienstleister:innen und der richtigen Location, das Organisieren von Gastgeschenken, die Entwicklung eines Dekokonzepts, die Menüauswahl sowie die Gästekommunikation sind dabei nur ein Bruchteil dessen, was auf der To-do-Liste steht. Hinzu kommt die fortlaufende Abstimmung dieser einzelnen Schritte: Termine koordinieren, Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt treffen und den Überblick über Fristen behalten. All diese Entscheidungen und Abstimmungen erfordern ein hohes Maß an Koordination, Weitblick und mentaler Präsenz – eine Verantwortung, die in der Praxis oft (bewusst oder unbewusst) hauptsächlich von der Braut getragen wird.
Dass Frauen sich im Hochzeitsplanungsprozess häufig stärker engagieren, dürfte in erster Linie strukturelle Ursachen haben. Schon in der Kindheit wird Mädchen oft der „Traum von der großen Hochzeit“ eingeflößt, mit konkreten Vorstellungen von Kleid, Deko und Festtagsmagie, was sie emotional stärker bindet und detailliertere Ideen weckt. Hochzeiten werden nach wie vor als „Braut-Event“ inszeniert; entsprechend richten sich Angebote und Kommunikation von Dienstleister:innen automatisch in erster Linie an die Braut. Gleichzeitig werden Frauen gesellschaftlich intensiver zur Detail-, Organisations- und Koordinationsarbeit sozialisiert. Diese Faktoren greifen ineinander und bündeln Verantwortung sowie Mental Load schrittweise bei einer Person – meist ohne bewusste Entscheidung des Paares.
Irgendwo zwischen Torten-Tasting und Tischkartenbasteln zeigen sich dann oft die Folgen dieses Mental Overloads: emotionale Erschöpfung, Konflikte in der Beziehung und das Gefühl, mit der Organisation allein auf weiter Flur zu stehen. Die Vorfreude und Leichtigkeit, die am Anfang noch spürbar waren, weichen schnell Stress und Überforderung.
Die gute Nachricht: So weit muss es nicht kommen. Hochzeitsplanung ist eine herausfordernde Zeit, ja. Umso wichtiger ist es, Mental Load in dieser Phase nicht als individuelles Problem, sondern als gemeinsames Thema zu begreifen. Wir zeigen euch, welche Schritte ihr gehen könnt, um den Mental Load während der Hochzeitsplanung fair auszubalancieren.
Hochzeit stressfrei planen: 6 Tipps, um Mental Load in der Hochzeitsplanung fair zu verteilen
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Tipp 1: Macht Mental Load sichtbar
Bevor ihr Aufgaben fair verteilen könnt, müsst ihr sie sichtbar machen. Denn Mental Load besteht nicht nur aus konkreten To-dos, sondern vor allem aus der Denkarbeit im Hintergrund: Fristen im Blick behalten, Entscheidungen vorbereiten, Rückfragen beantworten. Nehmt euch bewusst Zeit, um gemeinsam festzuhalten, was rund um eure Hochzeit organisiert, entschieden oder mitgedacht werden muss. Erst wenn klar ist, wie viel im Hintergrund passiert, lässt sich Verantwortung realistisch teilen.
Eine Wedding Roadmap, wie ihr sie unten zum Download findet, bietet einen strukturierten Überblick über alle wichtigen Planungsschritte und dient als ideale Basis für eure Gespräche. Nutzt sie, um nicht nur To-dos, sondern gezielt die mentale Last zu besprechen: Wer behält Fristen im Auge? Wer koordiniert die nächsten Schritte?
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Tipp 2: Übertragt Verantwortungspakete komplett – statt nur „mitzuhelfen“
Echte Entlastung kommt nicht durch sporadische Hilfe. Probiert mal aus, klar abgegrenzte Aufgabenbereiche vollständig an eine Person zu übertragen. Ein:e Partner:in übernimmt z. B. vollends die Fotograf:innensuche – inklusive Recherche, Anfragen, Entscheidungsfindung und Buchung –, ohne dass die andere Person ständig nachhaken muss. Das stoppt das ständige mentale Tracking und teilt die mentale Belastung fair. Psst, ist auch nebenbei eine gute Übung, um sich selbst zu erlauben Kontrolle abzugeben.
Natürlich ist es sinnvoll, persönliche Stärken und Vorlieben in der Aufgabenverteilung zu berücksichtigen: Wer gerne recherchiert, kann sich um Dienstleister:innen kümmern; wer Zahlen liebt, übernimmt Budget und Verträge. Entscheidend dabei ist aber: Schwächen dürfen keine Ausrede sein, um Verantwortung abzuwälzen („Das ist nicht so meins, das musst du leider übernehmen“). Am Ende sollte sich die Aufgabenverteilung für beide gerecht anfühlen.
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Tipp 3: Sprecht über Erwartungen, bevor sie zur Belastung werden
Mental Load entsteht oft dort, wo Erwartungen unausgesprochen bleiben. Sprecht offen darüber, was euch bei eurer Hochzeit wirklich wichtig ist und wo ihr bewusst vereinfachen oder Kompromisse eingehen könnt. Gemeinsame Prioritäten helfen dabei, Energie gezielt einzusetzen anstatt sich an Details aufzureiben.
Sich als Paar einen Moment zu nehmen, um Erwartungen an die Hochzeitsplanung klar auszusprechen, kann Gold wert sein.
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Tipp 4: Lagert Mental Load bewusst aus
Nicht jeder Gedanke und jede Aufgabe muss bei euch als Paar bleiben. Delegiert konkrete, klar umrissene Bereiche wie Deko-Aufbau, Gastgeschenke oder den Transport von Lieferungen an Trauzeug:innen, Familie oder Freund:innen. Plant ihr eine größere Hochzeit und es passt finanziell, kann auch ein:e Wedding Planner:in viel Koordination und damit Mental Load von euch übernehmen.
Digitale Tools können diese Entlastung zusätzlich unterstützen. Beispielsweise bietet euch eine Hochzeitswebsite einen zentralen Ort für alle Infos rund um euren Tag: Programm, Anfahrt, Unterkünfte, Dresscode, FAQs und Zu- oder Absagen. Gäste können dort vieles selbst nachlesen und direkt Rückmeldung geben, wodurch endlose WhatsApp-Nachfragen und Zettelwirtschaft wegfallen. Ein echter Mental-Load-Killer!
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Tipp 5: Überprüft regelmäßig, ob sich die Aufgaben noch fair anfühlen
Die Hochzeitsplanung ist kein statisches Projekt. Neue Aufgaben kommen hinzu, andere werden umfangreicher als gedacht. Plant deshalb bewusst kurze Check-ins ein, um die Aufgabenverteilung zu überprüfen: Fühlt sie sich noch fair an? Ist ein Bereich zu groß geworden? Muss etwas neu verteilt werden? So verhindert ihr, dass sich Mental Load schleichend wieder auf eine Person verlagert.
Mit unserem Mental-Load-Check für die Hochzeitsplanung könnt ihr prüfen, wer aktuell woran denkt, wie fair sich die Aufgabenverteilung anfühlt und wo ihr konkret ansetzen möchtet.
Wenn ihr mit der Hochzeitsplanung überfordert seid, macht euch keinen Kopf – das geht vielen Menschen so! Es ist aber wichtig, das Thema Mental Load bei der Hochzeit mit eurem Partner oder eurer Partnerin offen zu besprechen. Wenn ihr euch gemeinsam sowohl sichtbarer als auch unsichtbarer Aufgaben bewusst werdet, euch mit gegenseitigem Verständnis begegnet und smarte Strategien zur Entlastung nutzt, wird die Hochzeitsplanung wieder das, was sie eigentlich sein sollte: nämlich ein freudiger und vor allem gemeinsamer Weg zu einem der wichtigsten Tage eures Lebens.